Mind,

Vergewaltigt - Und ständig diese Atemnot

Mai 23, 2017 Unsophisticated Sarah 3 Comments

Heute bin ich meinem Peiniger begegnet:

Mittwoch - Von totaler Freude bis bodenloses Tief war in diesen drei Tagen alles vertreten und heute erreichte es den Tiefpunkt.

Nach der Arbeit zieht es mich immer noch kurz zu einem der Mannheimer Wahrzeichen, meiner momentanen Lieblingsstelle, dem Wasserturm. Und jeden Tag mache ich ein kurzes Instastorievideo von dort. Während ich also schon emotional angehaucht auf dem Wasserturm stehe und mir überlege, ob ich Boomerang oder stummes Video wähle, fallen mir diese beide Männer auf. 

Kurz rüber geblickt und weiter mit Instagram. 

"Hallo Sarah" höre ich es neben mir, also wende ich mich erneut den beiden Männern zu meiner Linken zu und spüre in diesem Moment den vollkommenen Ekel aufsteigen. 

Eine fluchtartige Bahnfahrt später und kurz davor endlich nach Hause zu kommen, bekomme ich endlich Atemnot. Endlich?

Tatsächlich war ich darauf vorbereitet. Den von meinem 8. bis zu meinem 16. Lebensjahr habe ich regelmäßig damit kämpfen müssen. Kurz innehalten, bloß nicht verkrampfen, warten. 

Keine Panik, keine Tränen. Einfach weiter mit dem Leben.

8 Jahre war ich als es passierte, 10 Jahre als es durch meinen Umzug endete. 


Über ihn, über mich und über das warum, versuche ich mir keine Gedanken mehr zu machen. Wir waren beide noch Kinder, er nur wenige Jahre älter und seelisch nicht weniger gekennzeichnet. Ich mache ihm auch keine Vorwürfe. Ganz ehrlich nicht. Ganz tief in mir spüre ich sogar etwas Mitleid mit ihm. 
Und was sicherlich für Miss- und Unverständnis führen wird: Ich bin froh, dass es mir passiert ist.
Nicht, dass ich vergewaltigt worden bin ,sondern dass es niemanden anderen getroffen hat. Seine kleinen Schwester oder einer ihrer Freundinnen, die über Nacht dort übernachteten. Den was wäre gewesen, hätte es jemanden getroffen, der weniger gut damit umgehen hätte können, 

Das letzte Mal, dass ich mich intensiv damit auseinander gesetzt habe, war mit 16. 
Mit meinem Psychologen, nach dem ich ein weiteres Mal von einem Mann im Auto vergewaltigt worden bin. Ich glaube, dieses Mal hatte mich schwerer gekennzeichnet und auch offensichtlichere Wunden zugefügt.

Dazu muss ich sagen, dass ich damals keine körperlichen Schwerzen dabei gefühlt habe, zumindest erinnere ich mich nicht daran, welche empfunden zu haben. Wir waren körperlich zu unentwickelt, Aber es hat seelische Wunden ausgelöst mit denen ich Jahre lang zu kämpfen hatte und auch heute, nur noch ganz selten, vermute ich einige meiner Reaktionen darauf. 

Mit 16, war das aber schon ganz anders. Alles war anders. Ein alter Mann, mein naives vertrauen in Erwachsene, meine Schuld. Es hat weh getan. Vom fixieren meiner Gliedmaßen, der Akt und die Torturen danach. 

Und dann das sprechen darüber. Ja, das schlimmste daran war darüber zu sprechen. Mit der Vertrauensperson, der Frauenärztin, dem Psychologen und den langen Gesprächen mit meinem Therapeuten. 


Bis zur Polizei kam es damals nicht. 
Ich hätte es gemacht. Aber die Frauenärztin riet davon ab. "Selbst mit ihrem Dammriss, den Verletzungen der inneren Schleimhäute und der Hämatome am Körper wäre eine Verfolgung durch die Polizei unwahrscheinlich." Dafür wären Spermaspuren nötig gewesen, die nach einem zweistündigen Duschen nicht mehr vorhanden waren. Und selbst dann war ich über 14 und es hätte immer noch von einem einvernehmlichen Akt ausgegangen werden können. Und da ich davor nicht nach Namen und Anschrift gefragt hatte...

Ich kann heute, fast 10 Jahre später, normal leben. Ich bezeichne mich auch als glücklich.
Weder leide ich unter Angstzuständen, habe keine direkte Angst bei Dunkelheit, fühle keine Panik im Umgang mit Männern und ich sehe keine Bilder oder Filme wenn ich die Augen schließe. Mein Psychologe hat mich gelehrt, damit umzugehen. Und wie bei so vielem ist das Einzige, worüber ich mir heute nur noch Gedanken mache: Wer wäre ich heute, wenn das damals nicht gewesen wäre...

Ich werde die heutige Begegnung in mein Unterbewusstsein verfrachten, nachdem heute Nacht die Mauer kurz einreißen wird.


[So sehe ICH mit 24 Jahre auf das erlebte zurück, vielleicht verdränge ich auch noch mehr, als die Oberfläche hergibt. Ich weiß, dass die Zahl der Frauen und Männer die selbiges, oder schlimmeres erlebt haben groß ist und bin mir bewusst, dass ein jeder anders damit umgeht. Das hier ist meine Sicht, meine Gefühle und meine Gedanken darüber und ist mit keiner anderen Person in Vergleich zu ziehen]


Kommentare:

  1. Oh mein Gott Sarah, das zu lesen nimmt mich mit - ganz arg.
    So etwas nicht nur einmal sondern über mehrere Jahre zu erleben und dann noch einmal später - schrecklich.
    Und ich würde dich jetzt gerne einfach drücken ♡

    Es scheint du verarbeitest selbst noch sehr viel, wenn auch unbewusst.
    Ich wünsche Dir, dass du irgendwann wirklich abschließen kannst, wenn auch nie vergessen ��

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    1. Danke liebe Sabrina. Ich komme aber ganz ehrlich damit klar. Lange gar nicht, dann ganz schwer und inzwischen ist es nur noch eine verdrängte Erinnerung. Auf die Begegnung war ich nicht vorbereitet und das hat noch einmal die vielen Erinnerungen hervorgerufen, morgen sieht die Welt schon wieder viel schöner für mich aus :*

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  2. Wow! Wie mutig und offen.
    Ich habe deinen Beitrag entdeckt und nun gleich verschlungen. Er hat mich berührt, wütend gemacht, aber auch inspiriert. Ich beschäftige mich seit geraumer Zeit mit Menschen, deren Leben von einem oder mehren Schicksalschlägen geprägt ist. Das überraschende dabei ist immer wieder - sie sind stark und lebensfroh.
    Genau so schätze ich auch dich ein. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft. Und solltest du Interesse haben deine Geschichte auch bei mir am Blog zu veröffentlichen, so melde dich einfach! Wenn nicht, kann ich das gut verstehen.
    lg Melanie

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