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Mehr Realität im Netz - Bitte nicht!

Mai 31, 2017 Unsophisticated Sarah 7 Comments

Warum ich auf #mehrrealitätimnetz keinen Wert lege?

Zuerst kam der Aufruf in der Internetgemeinde weniger "Fake" Bilder zu posten und mehr wahre Realität zu präsentieren und inzwischen hat es auch die Nähszene erreicht.

Und ich finde es schrecklich!

Ich benutzte das Internet nicht um mehr Realität zu sehen.




Das ist schon der erste Fehler, den ich an diesem Statement sehe, den wenn ich Realität möchte leg ich mein Handy beiseite und schau mir meine zu reale Wohnung an oder geh auf die Straße - und wenn ich die volle Packung Realität möchte, dann geh ich in die Ludwigshafener Innenstadt. Mehr Realität als dort bekommt man hier in der Gegend dann wirklich nicht mehr.

Einen voll denkenden und aufmerksamen Menschen macht die Realität nämlich oft traurig.

Natürlich nehmen wir gerne die Farben der Natur, das Wetter oder schöne Architekturen wahr. Das Lachen der Kinder auf den Spielplätzen erfreut uns und wenn man ganz genau hinsieht findet man immer etwas, dass einen zum lächeln bringt.

Aber nein, so ein Post wird das heute nicht.




Wenn ich auf die Straße gehe, sehe ich den hässlichen und verdreckten Beton, verfärbte Fassaden und Müll, hin und wieder ein paar zurück gedrängte Ecken Natur, stinkende Autos, die in einer endlosen Reihe dreckig hintereinander stehen. 

Im Moment zeigt in unserer Gegend die Realität auch gerne Mal einen Haufen tote Hasen, entweder vom Auto überfahren oder mit heraus quellenden Augen auf den verkackten Wiesen.





In unserer Stadt wird es dann nochmal doppelt so real. 

Da nimmt der Dreck um das 10-fache zu. Natur gibt es da sowieso keine mehr, außer man zählt die in kleine Kübel gepflanzten Bäume dazu. Jeder 2. Laden ist geschlossen und die Obdachlosen sitzen in Reih und Glied und hoffen darauf das einer der vielen Arbeitslosen (in Ludwigshafen gibt es bei etwa 160.000 Bewohnern, etwas über 10.000 Arbeitslose) oder der vielen Geringverdiener etwas von den letzten Münzen im Portmonnaien abgibt, von den Gesichtsausdrücken der ganzen Leute jetzt noch abgesehen. 
Auf dem nach Hause weg wirst du dann mit den wohltuenden Gerüchen der BASF beglückt und wenn du ganz großes Glück hast, erlebst du auch noch mit wie ein Fahrradfahrer von einer Bahn erfasst wird und regungslos auf dem Boden liegt.

Zuhause angekommen, noch die liebreizenden Rechnungen aus dem Briefkasten geholt und dann zurück in die Wohnung in der sich dein Kind mit Hilfe der Filzstifte völlig ausgelebt hat.

Aber bevor es dann in das "Netz" geht, musst du noch aufräumen, Geschirr spülen und die ganzen wundervollen realen Sachen die zu deinem Alltag gehören, erledigen.

Es gibt ja auch noch Leute die sich so etwas wie Fernsehn und Nachrichtensendungen antun, dass ist dann auch nochmal eine schöne Portion Realität für den Tag.

Und endlich schläft dein Kind, du nimmst dein Handy in die Hand und öffnest das World Wide Web.

Nach dem das Mailfach abgearbeitet ist, geht es in Facebook. 
Da wirst dann zu erst über Massenmorde, Attentate, Tiermisshandlungen und andere Dinge informiert. (Das ist natürlich alles wichtig zu erfahren und man sollte sich dem auch nicht entziehen und diese Geschehnisse so wahr nehmen wie sie sind.)

Und nach all dem und den vielen Portionen Realität, siehst du einen Aufruf zu #mehrRealitätimNetz. In diesem Moment möchte ich mein Handy ganz fest gegen die Wand werfen und nie wieder in die Hand nehmen!

Aber ich bin gnädig zu meinem Handy, schließe Facebook und öffne zur Beruhigung meiner von Realität strapazierten Nerven Instagram. Endlich!



Schöne Bilder von Accessoires auf weißem Hintergrund, gut hergerichtetem Essen und wunderschönen Menschen.
Das möchte ich am Abend in den wenigen ruhigen Momenten des Tages sehen: Mühevoll hergerichtete und aufwendig inszenierte Bilder von Dingen die man sich nur erträumen kann. Große Häuser mit riesengroßen Gärten, kilometerweite Wälder, große Seen und weite Meere. Bloggerinnen mit aufwendigen Outfits, schön gestylt und gerne mit schönem Hintergrund.

Eine halbe Stunde träumen von Erfolg, schönen Dingen, teuren Outfits und Urlaub.

Bevor ich zurück zu Facebook kehre und durch ein automatisch startendes Video miterleben darf, wie ein junger Mann in eine Masse von Menschen rast.

Wie stehst du zu diesem Thema? Brauchst du noch mehr Realität im Netz oder wünscht du dir durch diese Entwicklung des Internets, in der du in wenigen Minuten über Geschehnisse des Tages informiert wurdest, nicht auch ein große Portion Fake?


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Kommentare:

  1. Ich glaube der ruf in der Nähwelt nach mehr Realität und das was wir den ganzen Tag um uns sehen, zielen in unterschiedliche Richtungen. Wenn ich für mehr Realität bin, dann die Realität dass ich die Spuren meiner Schwangerschaft nicht retuschieren muss oder anziehen und zeigen kann was ich will, ohne mich verstellen zu müssen... So wie ich eben bin

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    1. Spuren einer Schwangerschaft zu retuschieren ist denke ich aber kein Druck aus der Internetgemeinde sondern ein Druck auf einen Selbst. Ich mag schöne Schwangerschaftsbilder oder Bilder nach der Schwangerschaft, die auch ihre Spuren zeigen. :)

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  2. Ich kann dich sehr gut verstehen. Es gibt die Realität wie du sie beschreibst und auch die traurigen Infos die uns zur Zeit aus dieser unglaublich verückt gewordenen Welt erreichen, aber man braucht auch diesen einen (oder mehrere) Monent in dem man sich an schönem erfreut. Einmal innehalten kann und genießen und inspirieren lassen kann.
    Leider ist es aber auch auf Insta in Mode gekommen "mehr Realität" zu zeigen. Und dann kommt der Moment wo es mir genauso geht wie dir!

    Danke für deine offenen Worte.

    Judith

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    1. Mir ist es in der letzten Zeit auch sehr aufgefallen. Facebook ist ja schon etwas länger kein Zufluchtsort mehr für schöne Gedanken geworden, weil de Welt einfach gerade wieder total durchdreht. Auf Instagram genieße ich die Bilder dann umso mehr, obwohl es dort im Moment wie du schon sagtest mehr in diese Richtung geht. Wie viel Realität braucht man den zu der jetzigen Zeit noch?

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  3. Ich glaube, ich kann dich verstehen... wenn ich in der Stadt bin, erschlagen mich manchmal auch die vielen verschiedenen Eindrücke und wenn ich die Menschen anschaue, die am Straßenrand sitzen, will mein Herz zerreißen.

    Aber ich denke auch, dass die "Realität" auch anders aussehen kann. Wenn ich aus dem Fenster schaue und die Sonnenstrahlen sehe, die durch die Wolken strahlen... Kinder völlig unbeschwert spielen und lachen sehe... die Blumen im Garten bestaunen kann und den Duft der Rosen tief in mich einsauge... Kaffee mit meiner Mama trinke... mit meinem Freund telefoniere und er in herausfordernden Zeiten spontan mit einer Sonnenblume vor meiner Tür steht... das ist meine Realität.
    Es gibt so viel Schönes und Kostbares in unserem Leben, wenn wir die Augen dafür öffnen! Und das möchte ich gerne mit anderen teilen :)

    Es macht mich so traurig, wenn ich die Nachrichten anhöre... oder die Schicksalsschläge in meinem Umfeld mit zubekommen. Aber ich möchte die Augen nicht davor verschließen. Ich möchte helfen und ich möchte ein Stück Licht in diese dunkle Welt bringen! Ein Stück Hoffnung wo vielleicht keine Hoffnung mehr scheint...

    Ich finde, mit deinen Worten bringst du sehr viel Realität in deinen Text :*

    Viele liebe Grüße
    Janina

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    1. Das die Realität nicht auch schön sein kann, steht außer Frage. & ja das sind alles wundervolle Augenblicke.

      Ich möchte mit meinen gewählten Worten nur untermauern warum es nicht schlimm, oder für mich, vor allem, im Moment nicht schlimm ist, das Internet auch aus einer Menge falschem Glitzer besteht. Wir das aber auch sehr brauchen.

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  4. Das ist ein wirklich schwieriges Thema, finde ich. Aufwendig inszenierte Bilder können genauso schön sein, wie ein Schnappschuss. Und wenn trotz Inszenierung der Hintergrund auch wirklich echt ist und nicht Bluescreen oder so, empfinde ich das auch als real. Es ist doch schön, wenn sich jemand die Zeit nimmt und nach einem schönen oder außergewöhnlichen Fleck sucht. Das mache ich auch. Und ich habe dadurch schon viele wunderschöne Fleckchen Realität gefunden, die ich sonst vielleicht übersehen hätte. Das kann ja auch eine alte Fabrik sein, die klasse aussehen kann. Wenn sich jemand Mühe macht beim Nähen, dann ist das ganz reale Arbeit gewesen, die ich mir anschauen darf. Wenn die Kleidung oder Accessoires mit Liebe ausgewählt wurden, dann ist doch auch das etwas durchaus real aufwendiges gewesen. Und geschminkt sind viele Leute auch in der Realität. Was ich nicht so schön finde, dann ist es, wenn am PC dann der Bauch noch mal extra schlank gemacht, die Nasew korrigiert wird und pipapo. (Obwohl auch das einiges an Arbeit sein dürfte). Ich kann es niemandem vorwerfen, wenn Unreinheiten kaschiert werden. Das machen wir ja auch gerne einfach mit Schminke. Und auch gefotoshopte Bilder können ganz wunderschön sein. Klar sehe ich, dass es nicht die Realität ist. Aber sie laden ein zum Träumen, Inspirieren, Entspannen. Die großen Maler haben auch nicht alle die Realität abgebildet. Sondern das, was sie gerne gesehen hätten, oder was sie mit dem Herzen sehen, was sie fühlen, was sie bewegt. Gefühle sind auch real. Oder nicht? Wir dürfen nur nicht die Realität um uns herum vergessen. Aber wir inszenieren uns jeden Tag aufs Neue, allein mit unserem Outfit, unserem Verhalten und dem was wir sagen. Da kommt auch nicht immer die Realität nach außen. Ich denke, die Mischung macht es am Ende. Und wie es dargestellt wird. Wenn ich behaupte: Das habe ich gemacht. Oder das bin ich, wenn ich morgens aufstehe. Und eigentlich ist das absoluter Humbug, denn wer schläft nachts mit Lippenstift und Makeup, ohne dass es verwischt und perfekt gestylten Haaren? Über soetwas muss ich dann eher lachen. Und wenn mein Nähwerk oder meine Zeichnung so arg am PC bearbeitet wurde, dass es kaum das wiedergibt, was ich wirklich getan habe, dann finde ich das eher traurig. Schönheitsfehler, Patzer, ein wenig verstrubbelte Haare und etwas Chaos im Hintergrund können so sympathisch sein, aber auch diese Dinge werden dann doch auch inszeniert. Wann ist es real, wann nicht?

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